Deutsche Windtechnik

03.05.2018

Wo Nordfriesland zum Nabel der Welt wird

Die Arbeitssicherheit ist für Monteure in Windkraftanlagen ein überlebenswichtiges Thema. Foto: Deutsche Windtechnik

Senior Trainer Jens Krippner (2.v.r./hinten) gibt den Azubis praktischen Unterricht in einem der für Übungen installierten Maschinenhäuser. Foto: Silke Schlüter

Dank modernster Computer-Technik ist auch der theoretische Unterricht höchst spannend. Foto: Deutsche Windtechnik

Foto: Deutsche Windtechnik

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Bei der Deutschen Windtechnik, die sich als Spezialist für die technische Instandhaltung von Windenergieanlagen diverser Hersteller versteht und ihren Hauptsitz in Bremen hat, sorgen europaweit über 1000 Mitarbeiter rund um die Uhr für den zuverlässigen Betrieb mehrerer Tausend On- und Offshore-Anlagen. Was die tägliche Arbeit, die Aus- und Fortbildung betrifft, so sind vor allen für die technischen Mitarbeiter zwei kleine Orte mitten in Nordfriesland so etwas wie der Nabel der Welt: Ostenfeld bei Husum und das mitten auf der Geest gelegene Dorf Viöl.

Tagtäglich schickt das Team der Ostenfelder Servicezentrale mehr als 220 Monteure an ihre jeweiligen Einsatzorte. Im Auftrag der Deutschen Windtechnik kümmern sie sich in Deutschland, Polen, Spanien, Schweden, Großbritannien und in den Niederlanden um die Wartung, Inspektion, Reparatur und Verbesserung von mehr als 3000 Windkraftanlagen. Mal nach Plan im Rahmen der mit den Betreibern vereinbarten Wartungsintervalle; mal spontan, wenn eine Störungsmeldung aufgelaufen ist. Die Leitwarte ist rund um die Uhr mit Disponenten besetzt, die in so einem Fall Rücksprache mit einem der Fachingenieure im Hause halten. Sie entscheiden anhand Fehlermeldung, ob das Windrad wieder gestartet und erst am nächsten Tag kontrolliert und repariert werden kann, oder ob sofort ein Service-Team hinfahren muss.
Die Service-Fahrzeuge sind mit allem ausgerüstet, was in der Regel vor Ort benötigt wird. Fehlt ein Ersatzteil, so wird es im Zentrallager Büdelsdorf bestellt und per Nachtkurier an einen in der Nähe befindlichen Service-Treffpunkt geliefert. „Insgesamt haben wir 50 solcher Stützpunkte“, sagt Danny Gröper. Der Disponent ist im ständigen Kontakt mit den Teams und behält auf dem Bildschirm die mit GPS ausgestatteten Fahrzeuge im Blick. So kann er bei Bedarf ein weiteres Team aus der Nähe zur Unterstützung hinschicken. Ein wichtiger Aspekt bei den oft sehr abgelegenen Windpark-Standorten.
„Manchmal fehlt nur etwas Öl am Rotor oder es gab unerwartet viel Wind, so dass er zu heiß geworden ist“, nennt Chief Executive Officer Hauke Behrends Gründe dafür, warum sich die Anlage selbst abgeschaltet haben könnte. Sie verfügt über eine komplexe Steuerung, in der alle zehn Minuten 6000-7000 Parameter automatisch abgeglichen werden. Weicht auch nur einer von der Norm ab, wird über eine mehrfach gesicherte Internetverbindung eine Meldung an die Leitwarte abgesetzt. Dort hat man Windstärke, Temperatur und Leistung ständig im Fokus. Neben zu starkem Wind zählen defekte Sensoren, Kabelbrüche, durch Eis an den Rotorblättern ausgelöste Vibrationen und der Ausfall der Flugbefeuerung zu den häufigsten Störungen. Wie Hauke Behrends, der die Gründung der Deutsche Windkraft Service in Ostenfeld vor zehn Jahren maßgeblich vorangetrieben hat, betont, begnügt man sich dort nicht damit, die Defekte durch Fachleute beheben zu lassen: „Zusätzlich analysieren unsere Ingenieure die Fehlermeldungen und erarbeiten daraus passende Upgrades für die Anlagen. So können wir viele Störfaktoren auf ein Minimum reduzieren.“

Damit all diese Prozesse reibungslos funktionieren, wird bei der Deutschen Windtechnik Service viel Wert auf die Aus- und Fortbildung der Monteure gelegt. Die meisten haben den ersten Teil ihrer Ausbildung in Viöl absolviert und kehren regelmäßig dorthin zurück. Das Trainings Center wurde erst kürzlich erweitert, damit jeder der 220 Monteure pro Jahr für mindestens zwei Wochen nach Nordfriesland kommen kann, um sich intensiv schulen zu lassen. Unter Bedingungen, die weltweit nahezu einmalig sein dürften: Für die theoretischen Grundlagen steht modernste Computertechnik zur Verfügung. Die Praxis wird in verschiedenen Maschinenhäusern vermittelt, die von Windrädern abgebaut und am Boden installiert wurden. Sie ermöglichen – unter realistischen Bedingungen – eine Ausbildung in der Halle und zu ebener Erde. Zusätzlich gibt es einen Kletterturm für das Abseiltraining und zum Durchspielen von Rettungsszenarien.
„Wer als Höhenarbeiter tätig ist, muss selbst dafür sorgen, dass sein Arbeitsplatz sicher ist. Wir hier in Viöl wissen aus eigener Erfahrung, wie überlebenswichtig der Umgang mit und das Vertrauen in die eigene Schutzausrüstung ist“, sagt Senior Trainer Jens Krippner. Und so geht es in den Seminaren auch um Techniken zum Tragen und Heben von Lasten hoch oben in der Luft, um Risiken und Gefahren bei Fehlbelastungen des Körpers und um die Bergung und Rettung der Teamkollegen bei Unfall oder Erkrankung im Turm. Viel Aufmerksamkeit wird der Persönlichen Schutzausrüstung gegen Absturz (PSAgA) gewidmet, die nicht nur aus Helm und Schutzbrille besteht: Auf keinen Fall fehlen dürfen Aufstiegshilfen, Seile, Leitern und Sicherungen, die beim Besteigen der Anlage und bei der Arbeit auf dem Rotor Vorschrift sind. Auch das Materialhochholen mit dem internen Kran muss immer wieder geübt werden.
Mit dem Bedingungen in Viöl ist der technische Trainer André Brüske mehr als zufrieden: „Weil die Maschinenhäuser von verschiedenen Herstellern stammen, können wir fast das gesamte Spektrum an Technik abbilden, das unsere Monteure vor Ort vorfinden werden“, sagt er. „Dank ausgeklügelter Computerprogramme und diverser angeschlossener Geräte ist aber auch der theoretische Unterricht spannend“, meint sein Kollege Torben Clausen und berichtet von einer besonderen Dynamik, die in den Seminaren entsteht: „Vom Wissen der erfahreneren Mechatroniker können wir alle profitieren. Andersherum nehmen sie selbst von den Neulingen so manche gute Idee und Inspiration mit.“
Jede Windenergieanlage läuft jährlich an die 8 000 Stunden und muss mindestens 20 Jahre halten. Fundament, Turm und Rotor brauchen ebenso spezielle Pflege wie das mit komplizierter Technik vollgepackte Maschinenhaus. Das geht, wie beim Auto, nicht ohne regelmäßige, fachmännisch durchgeführte Inspektionen und Reparaturen. Für diese Aufgaben werden ständig Nachwuchskräfte und Auszubildende gesucht: Wer Mechatroniker/in mit Schwerpunkt Windenergie werden will, muss mindestens 17 Jahre alt sein und die Mittlere Reife haben, technisch interessiert, körperlich fit und schwindelfrei sein. Wer all das mitbringt, bekommt bei der Deutschen Windtechnik Service eine tolle Ausbildung im Sektor Windenergie, mit der er oder sie später aber auch in anderen Branchen arbeiten kann.  Silke Schlüter (ssl)


Unternehmen Deutsche Windtechnik:

über 1.000 Mitarbeiter an Land und auf See
134 Standorte in 12 Ländern
Wartungsverträge für 3.000 Windenergieanlagen (4.380 Megawatt)
Reparaturen/Gutachten für weitere 3.000 Anlagen
Betreuung von 68 Onshore- und 5 Offshore-Umspannwerken
Umsatz in 2017: 125 Millionen Euro

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