Mehr als nur Schönfärberei

18.08.2017

Klaus Koch-Süzen betreibt eine der letzten Blaufärbereien

In Neustadt können Sie Ihr blaues Wunder erleben. Auf jeden Fall, wenn Sie bei Klaus Koch-Süzen vorbei schauen. Der Mann mit Brille und flotter Schiebermütze betreibt in der über 750 Jahre alten Hafenstadt eine der letzten Blaufärbereien beziehungsweise Werkstätten für den exklusiven Blaudruck in Deutschland. Ein traditionelles Handwerk, das Klaus Koch-Süzen in mittelerweile siebter Generation mit Herz und Hand am Leben erhält.
Bereits beim Betreten der J.H. Koch Werkstätten, die sich eher unscheinbar in einer der malerischen Nebenstraßen Neustadts befindet, heißt der Charme der 60er Jahre die Kunden willkommen. Fein säuberlich in den Regalen gestapelt Stoffballen, mal uni, mal bedruckt, manche im modernen Design und andere im althergebrachten tiefblau – im Hintergrund klassische Musik. Das Büro heißt hier Kontor und wer das mag, ist angekommen bei Klaus Koch-Süzen und seinem Handwerk. Daneben die Druckstöcke, auch Modeln genannt, mit den unterschiedlichen Mustern. „Darunter sind wahre Raritäten – der älteste ist etwa 310 Jahre alt“, schwärmt der „Blaudrucker“ und nennt die Modeln liebevoll „unseren Schatz“: „Ich bin immer auf der Suche nach alten Modeln, manche kann ich aus Nachlässen ankaufen oder jemand findet auf dem Boden eine dieser historischen Seltenheiten.“ Rund 600 unterschiedliche Modelle zählt er in seinem Bestand. Mit ihnen werden die edlen Dekore auf die Blaudruckstoffe mit Hand aufgebracht. Akribisch genau müssen diese aufgesetzt werden – ähnlich wie ein Stempel, beschreibt es Klaus Koch-Süzen – nur so kann daraus ein wahres Kunstwerk entstehen. Jedes für sich ist ein Unikat der Schönfärberei. In drei unterschiedlichen Verfahren, Reservedruck, Direktdruck und Ätzdruck, zaubert der Handwerker moderne und traditionelle Muster sowie Blumenbilder, Ranken oder Streifen auf Baumwoll- und Leinenstoffe. Individuell, sagt er, ganz so wie der Kunde seinen ganz persönlichen Stoff am Ende sehen möchte.
Aber auch alte Stücke „restauriert“ Klaus Koch- Süzen. Manche Stücke fristen nicht selten ein unscheinbares Dasein in Großmutters Wäschetruhe; Tischläufer oder Bettzeug hatten ihre Berechtigung vor vielen Jahren und liegen nun ganz hinten im Schrank. Das muss nicht sein, verrät Klaus Koch-Süzen. Mit der kleinen Serie „Von Oma“ hauchen die J.H. Koch Werkstätten den persönlichen Erbstücken ein neues koloriertes Leben ein. „So gut wie alles ist möglich“, erklärt er. „Ob vom Ballen konfektioniert, als Stück gefärbt und/oder mit zauberhaften Motiven im Handdruckverfahren versehen, werden diese Lieblingsstücke wieder der „Renner“.
Denn nicht nur das tiefblaue Indigo oder das traditionelle Indanthren sind die Färbungen, für die die Werkstätten stehen, auch an Farbnuancen ist so ziemlich alles möglich. Mittlerweile herrschen hier nicht nur blaue Kunstwerke aus Leinen, sondern es geht in der Färberei wahrlich kunterbunt zu. Neben Rot und Gelb reihen sich Stoffe in allen Farben ein. „Der Trend geht auf Tannengrün und auch Schwarz ist sehr beliebt“, weiß der Blaufärber zu berichten und fügt mit einem Augenzwinkern hinzu: „Wer sich von seinem Brautkleid nicht trennen kann, aber es nicht mehr tragen mag, weil es so schlicht weiß ist, für den haben wir die perfekte, bunte Lösung.“ Anhand einer Stoffprobe oder eines Nähgarns kann das Team so ziemlich alles in einen gewünschten farblichen Kontext setzen.
Wie vielfältig das alte Handwerk des Blaudrucks ist, zeigt die große Palette an farblich unterschiedlichen Stoffen, exklusiven Mustern und speziellen Anfertigungen, wie etwa die Tischdecke mit alten Fachwerkhäusern der Stadt Neustadt. Jedes Haus hat seinen eigenen Modeln und ist detailgenau herausgearbeitet. „Der Blaudruck wird nie langweilig. Im Grunde erlebt dieses Handwerk, mit der Möglichkeit auch andere Farben mit einzubeziehen, seine verdiente Renaissance“, macht Klaus Koch-Süzen deutlich. „Es ist eine kreative und eine dankbare Arbeit, bei der man den Erfolg gleich sehen kann.“ Der überlieferte Blaudruck ist traditionell und vielleicht nicht modern, dafür aber zeitlos, edel und dank Klaus Koch-Süzen mit seiner Kreativität auch immer „in“.

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