Die Poesie des Alltags

09.08.2017

Im kleinen Leuchtturm ist Karin Buchholz auf der suche nach den kleinen Dingen des Lebens

Der Januar ist für Karin Buchholz ein ganz besonderer Monat. Den verbringt sie zurückgezogen in ihrem kleinen Leuchtturm an der Flensburger Förde. Es ist eine Zeit des Aufbruchs und des Loslassens. Eine Zeit der Entscheidung darüber, was sie mit in das neue Jahr nimmt und welchen Ballast sie hinter sich lässt. „Hier werde ich still“, verrät sie, „hier kann ich einfach sitzen, aufs Wasser gucken und mehr fühlen als denken.“ Für die Schriftstellerin sind diese Wochen wertvoll. Aus ihnen schöpft sie Kraft und Kreativität, probiert Neues, plant Projekte und schreibt. „Es muss gar nicht unbedingt alles gut werden“, erklärt sie, „es gibt auch mal eine Geschichte, die ich vielleicht niemals vorlesen werde und die ganz unten in meinem Koffer landet. Aber zu diesem bestimmten Zeitpunkt will sie einfach geschrieben werden.“
Längst ist der Winter vorbei und Karin Buchholz hat mich zu sich in den kleinen Leuchtturm eingeladen. Von 1969 bis 1996 warnte sein Feuer vor einer Untiefe in der Förde. Seine neue Bestimmung als privates Refugium steht ihm gut, denn die Schriftstellerin sorgte erst kürzlich für seine grundlegende Restaurierung. Dringende Reparaturen und endlich eine Dämmung - natürlich im Innenbereich. „Das hat mich zwar ein paar Quadratmeter gekostet, aber sonst hätte er seine historische Fliesenfassade und die markante Rundung der Fenster, also sein charakteristisches Gesicht, verloren“, erklärt sie, „das wollte ich auf gar keinen Fall.“
Schnell teile ich ihre Begeisterung für diesen friedvollen Ort, zu dem kein öffentlicher Weg führt. Er ist eingebettet in eine idyllische Landschaft. Kaninchen hoppeln über die Wiese und vom Geländer aus beobachtet uns eine Schwalbe, die gerade ihr Nest unter dem Dachüberstand einrichtet. Es wundert mich nicht, dass Karin Buchholz an diesem Ort ihre wunderbaren Geschichten in den Sinn kommen. Geschichten von Glück und Freude, aber auch von Krankheit und Tod. „Es sind nicht die großen Dinge des Lebens, die uns bewegen, sondern die kleinen. Die Poesie des Alltags, die Magie des Moments: Ein Lächeln, Begegnungen, die Menschen miteinander teilen, Schwäne, die über den Leuchtturm ziehen und das Reh, das im Wissen, dass es am Leuchtturm nichts zu befürchten hat, sein Kitz an meiner Terrasse vorbeiführt“, beschreibt sie. Momente wie diese fasst sie in Worte, beschreibt Situationen und knorrige Typen so, dass vor den Augen der Leser ein eigenes Bild entsteht.
Am liebsten erreicht sie ihre Leser dort, wo sie zu Zuhörern werden. „Bei Lesungen bin ich dicht dran und erlebe ungefiltert, was meine Geschichten mit ihnen machen. Das sehe ich in ihren Gesichtern und das ist für mich der schönste Lohn“, verrät sie. Zu ihren Lesungen gehört auch das richtige Ambiente. In ihrer Ausrüstung befinden sich deshalb neben Lampe und Manuskripten auch Dekorationen, wie alte Kisten, Seesterne, Taue, Bilder und eben das, was zu den Geschichten passt. Die Auswahl trifft sie übrigens für jeden Abend anders - auch aus egoistischen Gründen. „Ich kann mir nicht vorstellen, mit einem festen Programm auf Lesereise zu gehen. Lieber setze ich immer andere Schwerpunkte, die ich auf meine Zuhörer oder Ort und Zeit abstimme, ziehe den roten Faden mal in diese, mal in jene Richtung - vor allem dann, wenn ich im privaten Bereich meiner 'Lesesalons' vorlese, also in Wohnzimmern oder Scheunen meiner Leser zu Gast bin.“ Als sie mit dem Bücherschreiben begann, war da dieses romantische Bild im Kopf: sie fuhr mit einem altmodischen Bücherkoffer auf dem Gepäckträger eines alten Sportwagens zu ihren Lesungen. Bei dem Gedanken muss sie heute schmunzeln. Inzwischen haben sie die Realität und acht veröffentlichte Bücher eingeholt und sie reist im geräumigen Kombi ihres Mannes, der mit Kisten für Büchertisch und Leseplatz prall gefüllt ist. Ein Stück Nostalgie hat sie sich jedoch in Form eines kleinen Lederkoffers vom Trödel bewahrt. In ihm reisen ihre Vorleseexemplare mit Anmerkungen und Notizen. „Die Romantik hat sich ein wenig gesundgeschrumpft.“
Wer einmal eine Geschichte gelesen oder gehört hat, der wird süchtig. Süchtig nach dem Feenstaub, den diese Schriftstellerin verteilt. Mit dem sie Leser und Zuhörer aus dem Alltag abholt und mit in ihre Geschichten nimmt. So unterschiedlich sie auch sind, nachdenklich oder fröhlich, ob sie von Lebensherausforderungen und schweren Zeiten, von der Suche nach Schutzengeln, dem Tanz auf dem Regenbogen oder Kindern vom kleinen Leuchtturm erzählen. Eines haben sie alle gemeinsam: Sie gewähren uns einen Blick auf das Wesentliche, auf das, was wirklich zählt. „Manchmal muss man es suchen“,
weiß die Autorin, „aber das Glück der kleinen Dinge ist immer irgendwo dazwischen.“

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