Ein Bayer an der Elbe

31.05.2017

Der Pfeifenmann und seine 1.000 Pfeifen

Kurioser könnte es nicht sein: An der Elbe ist ein Bayer der Herr über 1.000 Pfeifenköpfe. Und das im wahrsten Sinne des Wortes. Denn Franz Fleischmann ist Inhaber eines der traditionsreichsten Fachgeschäfte für Pfeifen, Tabak und Zubehör, das es in der Hansestadt Hamburg gibt. Beheimatet ist der Handel mit dem blauen Rauch in dem legendären Kiez Eimsbüttel. Hier tobt das bunte Leben, hier trifft moderner Lifestyle auf Altbewährtes ohne „Berührungsängste“.

In eben diesem außergewöhnlichen Stadtteil hat der Fachmann für Pfeifen sein Geschäft. Die Außenfassade begrüßt den Kunden in einem Jaguar-Grün und nur wenige steinerne Stufen führen in das Allerheiligste für Pfeifenkenner. Regale gefüllt mit Tabak in den unterschiedlichsten Variationen, für jeden Geschmack das Passende, überall Pfeifenmodelle und was man eben so braucht für eine „Pfeifensession“, und ein betörender Duft des Tabaks kitzelt die Nase. Fazit: Wer das Pfeifenrauchen zelebriert, ist hier genau an der richtigen Adresse.
Seit 1899 befindet sich in dem alten Gründerzeithaus in der Methfesselstraße ein Tabakladen. Diese Mauern sind tabakgeschwängert. Anfangs waren vorrangig Zigarren im Verkauf, Gerd Jansen hat das Geschäft später in den 70ern zu einem wirklichen „Spezialgeschäft“ für Pfeifen gemacht“, erzählt Franz Fleischmann, der von drei Jahren den „Pfeifenladen“ von Gerd Jansen übernommen hat. Er erinnert sich: „Ich fuhr nach Hamburg und habe mich sofort in den Laden verliebt.“
Doch dem geht eine kleine Geschichte voraus. Während eines Urlaubs im Norden, ganz genau  auf Helgoland, kauft sich Franz Fleischmann
seine erste Pfeife. „Eigentlich als Zigarettenersatz. Ich wollte damals gerade damit aufhören“, blickt er zurück. Doch statt dem blauen Dunst den Rücken zu kehren, verfiel der Münchener der Pfeife. „Ich wurde neugierig, habe mich belesen, im Internet recherchiert und auch selbst erste Info-Filme auf YouTube veröffentlicht. Ich war vom Pfeifen-Virus infiziert“, erzählt er mit einem Augenzwinkern. Franz Fleischmann hängt seinen Job als Fernsehredakteur an den Nagel, interessiert sich für alles, was aus Pfeifenkopf und Mundstück besteht, beginnt alte Pfeifen aufzukaufen, herzurichten und aufzubereiten. „So bin ich letztendlich auf den typischen Hanseaten Gerd Jansen und seinen Laden aufmerksam geworden. Ich hatte einen Film über alte Tabaksorten ins Netz gestellt und Jansen schrieb mir einen Brief, dass ich wegen des Tabaks nicht extra in die USA fahren müsste, er hätte den vorrätig in seinem Laden.“ Zwei Jahre haben die beiden Männer das Pfeifengeschäft noch gemeinsam geführt, dann zog sich Gerd Jansen nach 40 Jahren zurück und Franz Fleischmann startete alleine durch. Anfangs arbeitete, lebte und schlief er sogar in dem Ladengeschäft. „Es gab viel zu tun“, beschreibt er die Situation. „Es musste doch  das ein oder andere renoviert und umorganisiert werden.“ Noch heute lebt er, wie er selber sagt, nach einem Stundenplan um alles perfekt abzuwickeln. „Aber wie Sie sehen“, dabei schweift er mit den Armen durch die Räumlichkeiten. „Es ist alles so geblieben wie es war, mit der Seele von Gerd Jansen und dem ganz besonderen Charme.“ Den Spagat zwischen Isar und Alster hat er auch perfekt hinbekommen: „Hamburg ist eine Weltstadt und hat viel zu bieten. Ich fühle mich hier als Bayer sehr wohl. Es ist meine Traumstadt.“
Und als Pfeifenmann ist er zudem glücklich in seinem Traumberuf angekommen. Vorne im Geschäft wird verkauft und beraten, im gemütlichen Hinterzimmer, nicht minder vollgepackt mit Utensilien und Lektüre rund um die Pfeife, wird gefachsimpelt und „geschmökt“. Am Wochenende auch schon mal bis tief in die Abendstunden. Daneben befindet sich die Werkstatt, nicht weniger nostalgisch. Defekte oder beschädigte Pfeifen wirft man nicht einfach weg, sondern lässt sie hier von Hand aufarbeiten. Meist ist es das Mundstück, das mit den Jahren erneuert werden muss, aber auch ganz schwierige Fälle werden in der kleinen Werkstatt „wie neu“.
Pfeife ist nicht gleich Pfeife. Wer sich nicht dafür interessiert wird nicht erkennen, dass jede Pfeife anders ist, eine andere Form hat, aus anderem Material besteht, kurz und knapp seine eigene Ästhetik hat und das edle Holz in einer seiner schönsten Formen präsentiert. Neben den Pfeifen bietet Franz Fleischmann hunderte von Tabaksorten an, von einfach und günstig bis edel und kostspielig sowie Schnupf- und Kautabak und Unikate, die man nur in ausgewählten Depots erhält.
„Ich habe alle Tabake ausprobiert, nur so kann ich auch guten Gewissens Empfehlungen aussprechen“, erklärt er. Einen Lieblingstabak hat er nicht: „Alles hat seine Zeit. Wichtig ist es, dass man das Pfeifenrauchen zelebriert.“ Für eine Pfeife braucht man Ruhe, die „qualmt“ man nicht mal so zwischendurch. Genießen lautet das Zauberwort und Franz Fleischmann, der rund 250 Pfeifen sein Eigen nennt, verrät: „Das hat viel mit Sinnlichkeit zu tun. Man braucht eine große innere Ruhe, um die Pfeife zu bedienen. Sie ist eigentlich eine „Zicke“, die vom Stopfen und Anzünden bis zum letzten Zug die komplette Aufmerksam einfordert.“
Für die Zukunft will Franz Fleischmann expandieren. Der Onlineshop floriert, ein Rauchsalon ist in Planung, vielleicht auch mit erlesenen Weinen oder hochwertige Spirituosen. „Es ist ja wichtig, dass neben dem gelebten Hobby und der Liebe zum Pfeifentabak auch etwas in der Kasse klingelt“, sagt er mit einem Lächeln und zieht genüsslich an seiner Pfeife.
Während unseres Gespräches vibriert zum wiederholten Mal der Kaffee in den Bechern und es kribbelt ein wenig im Bauch. Franz Fleischmann muss lachen und winkt ab: „Das ist die U-Bahn, die fährt direkt neben dem Ladenkeller vorbei. Das hat ein wenig was von Brooklyn.“ Wie gesagt, hier hat alles seinen ganz besonderen Charme im blauen Dunst.

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